
Weittragende gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben zur Krise der traditionellen Ehe geführt. Höhere Lebenserwartung, größere Mobilität, frühes Heiratsalter, demokratische und gleichberechtigte Wertvorstellungen und zunehmende sexuelle Freizügigkeit und vor allem die zunehmende Verselbständigung der Frau haben die bestehende Institution der Ehe und langfristig angelegte Partnerschaften verändert. Frühere Lösungsformen, z. B. Anpassung der Frau an den Mann unter Preisgabe der eigenen Rechte und Wünsche, werden nicht mehr akzeptiert. Heute hängt das Gelingen der Ehe, hängt die langfristig angelegte Partnerschaft weitgehend vom Partner und von der Partnerin gleichermaßen ab. Die Partnerschaften sind in der Regel wenig eingebettet in soziale Netze, wo sie -wie früher- stabilen Halt finden könnten.
Das Fundament einer Ehe und festen Beziehung ist heute eher die partnerschaftliche Beziehung, die Verbindung zweier eigenständiger und gleichwertiger Persönlichkeiten. Dazu gehört ein faires und partnerschaftliches Zusammenleben, was die meisten Partnerinnen und Partner in ihrer vorherigen Lebensgeschichte aber nicht lernen konnten. Die meisten kommen noch aus traditionellen Familien, in denen alte Werte und Normen an der Tagesordnung waren. Ein partnerschaftliches Zusammenleben zwischen den Ehepartnern einerseits und mit den Kindern andererseits gehörte nur selten dazu.
Während in der traditionellen Ehe das Leben nach einem bewährten eingefahrenen Muster abläuft, was Zeit und Energie spart und ökonomisch ist, verläuft das Leben in einer partnerschaftlichen Beziehung entsprechend den aktuellen Bedürfnissen der beiden Partner. Dazu gehört es, immer wieder nach Lösungen zu suchen, Spielregeln festzusetzen und zu verändern. Das ist nicht ökonomisch und häufig sehr anstrengend.
Vor allem wenn ein Partner eher der traditionellen Ehe verhaftet ist, der andere eher eine partnerschaftliche und gleichberechtigte Ehe leben möchte, prallen die unterschiedlichen Normen und Werte hart aufeinander.
Das Problem
Weder moralische Appelle, noch therapeutische Trainingsprogramme haben es geschafft und können es je schaffen, die täglichen Auseinandersetzungen über Beruf, Karriere, Geld, Familie und die vielen Kleinigkeiten des Alltags in Harmonie und Verständnis zu lösen. Bereits Heraklit benannte um 500 v. Chr. den Streit als "Vater aller Dinge."
Ein Streit kann allerdings mißlingen und tut es auch häufig, denn grundlegende Probleme in der Partnerschaft, unterschiedliche Einstellungen und Meinungsverschiedenheiten können jeden Streit destruktiv enden lassen und bei häufiger Wiederholung Beziehungen zerstören.
Heute scheint es einfacher zu sein, sich vom anderen zu trennen oder innerlich zu verabschieden und damit die Mühen der Auseinandersetzung mit abweichenden Lebensgewohnheiten zu vermeiden. Der konstruktive Streit ist aus der Mode gekommen und gelingt nur noch einer Minderheit.
Wenn bei einem Paar, welches sich gerade kennengelernt hat, bereits schnell zerstörerische Streitformen an der Tagesordnung sind, ist entweder eine schnelle Trennung zu erwarten oder den beiden steht eine problematische Abhängigkeit bevor. Auf ein "das wird sich schon noch (wenn wir verheiratet sind) ändern" sollte nicht gehofft und vertraut werden.
Partnerinnen und Partner gehen sehr unterschiedlich mit den Konflikten in der Beziehung um:
Manche haben resigniert und schweigen nur noch. Sie sind einsam allein und einsam zu zweit geworden.
Andere verheddern sich in stundenlangen und nervtötenden unfruchtbaren Diskussionen und reden dabei hoffnungslos aneinander vorbei.
Bei wieder anderen fliegen die Fetzen, es hagelt gegenseitige Vorwürfe und Verletzungen.
Und so gibt es die Punktesammler, die Tester, die Detektive, die Hobbypsychologen, die Erzieher, die Geheimniskrämer, die Gesprächskiller, die Dauerredner, die Schweiger, die Manipulierer, die Schläger.
Probleme durch unterschiedliche Erwartungen schüren Konflikte und Spannungen. Viele kleine Bausteine lassen die Spannung ansteigen und in einen oft recht destruktiven Streit münden.
Hinzu kommen in unserer derzeit konfliktträchtigen Gesellschaft oft auch ökonomische und soziale Spannungen, die mit finanziellen Problemen, Arbeitslosigkeit, Generationskonflikten usw. verbunden sein können. Diese Spannungen von außen bedürfen oft einer gemeinsamen Lösung oder eines gemeinsamen Durchstehens des Partners und der Partnerin. Sind die Spannungen innerhalb der Beziehung bereits recht groß, fördern die Probleme von außen die partnerschaftlichen Konflikte.
Das notwendige Gespräch, das notwendige Aushandeln, die notwendige Suche nach partnerschaftlichen Lösungen kann besonders dann zu massiven und unerträglichen Streitigkeiten eskalieren, wenn Unerledigtes aus früheren Auseinandersetzungen hochkommt und in den augenblicklichen Zwist mit einfließt. Ein falscher Ton, ein falsches Wort ergibt das andere, und schnell werden beide ausfallend oder einer zieht sich zurück und der andere streitet lautstark um so mehr.
Wenn kaum mehr über Gefühle gesprochen wird, sind Beziehungen besonders gefährdet.
In vielen Partnerschaften werden pro Tag nur noch 20 Minuten oder weniger miteinander gesprochen.
Die Streitigkeiten beinhalten oft ein: "Wer hat Recht". Unsachlichkeiten und der sogenannte Tritt unter die Gürtellinie werden hinzugenommen, um die eigene Position als die einzig Richtige zu bekräftigen.
Der oft herangezogene Vergleich mit der sogenannten traditionellen Ehe läßt sich doch nicht so ganz aufrechterhalten: Auch in der traditionellen Ehe gibt es genug Konflikte, nur werden sie oft unter den Teppich gekehrt und bleiben unsichtbar. Die sehr weit zu fassende Untreue ist nie auszuschließen, es gab sie auch in der herkömmlichen Eheform.
Streitlust beginnt im frühen Kindesalter. Kinder lernen, sich an ihren Eltern zu reiben und suchen den Konflikt. Oft an ganz belanglosen Themen. Und so bringt die eigentlich gewollte zunehmende Selbstständigkeit für viele Eltern die unangenehme Begleitung der zunehmenden Auseinandersetzungen mit sich. Kinder wollen unbedingt alles selbst tun und widersetzen sich den fortwährend den Anordnungen der Eltern. In diesen Zeiten
einerseits die kindliche Selbstständigkeit zu fördern,
andererseits ohne rechthaberischen Streit notwendige Grenzen zu setzen
und den kindlichen Widerstand nicht zu brechen
Dies ist eine schwierige Erziehungsaufgabe. Gut gelöst werden die Kinder dadurch aber auch gut auf konstruktive Möglichkeiten späterer Auseinandersetzungen vorbereitet.
Warum gestritten wird:
Einstellungen und überdauernd geprägte Bedürfnisse, Interessen, Werte stimmen nicht überein.
Lebensziel und Temperament sind unterschiedlich.
In momentane Situationen sind andere Bedürfnisse da (Müdesein vs. Ausgehen, Kontaktsuche vs. Alleinsein).
Die Rollenverteilung in der Partnerschaft (z. B. Kinderbetreuung, Haushaltsführung) gestaltet sich unterschiedlich.
Die äußere Situation (Arbeitslosigkeit, Wohnverhältnisse) ist belastend und entzweiend (Wochenendehe).
Ein Partner hebt sich häufig oder dauerhaft in seiner Lebenssituation (Krankheit, Ängste, Anbindung an die eigenen Eltern) vom Partner ab.
Beide Partner haben sich mit ihren Streitigkeiten in einen Teufelskreis hineinmanövriert. Die Feindseligkeiten und der Austausch darüber werden immer heftiger.
Worüber häufig gestritten wird: Geld, Haushalt und Wohnung, Freizeit und Urlaub, Beruf, Kinder, Freunde, Sexualität, Verwandtschaft.
Partnerkonflikte werden häufig so angegangen, daß das dramatische Endergebnis in keinem Verhältnis mehr zu dem geringfügigen Ausgangspunkt steht. Der sprichwörtliche Elefant wird aus einer Mücke gemacht und kann dann kaum mehr gebändigt werden.
Das heißt: das eigentliche Problem ist der falsche Lösungsversuch. Je nach Temperament und Lerngeschichte gehen Menschen mit ihren Partnerkonflikten unterschiedlich um. Die einen vermeiden die Streitigkeiten, die anderen leben ihren Mißmut als wilde Streiter hemmungslos aus, wiederum andere fordern totale Offenheit und schaffen neue Probleme: den Zwang, alles stets offen und demokratisch auszuhandeln und zu zerreden.
Lösungen
PRAKTISCHER TIPP
Einigen Sie sich auf ein Zeitlimit! Legen Sie fest, dass der Streit bei Ihnen in Zukunft nie länger als 15 Minuten dauern darf (Benutzen Sie einen Küchenwecker!). Erfahrungsgemäß ist in der Regel in dieser Zeit alles Nötige gesagt!
Eine auf länger angelegte Partnerschaft beweist sich meist in den Kleinigkeiten des Alltags wie Haushaltsführung, Umgang mit Geld, Toleranz gegenüber den kleinen Fehlern des anderen, Toleranz gegenüber nicht verletzenden Freiheiten des anderen, Kindererziehung usw.
Eine dauerhafte Bindung ist dann vor allem über die Fähigkeit beider Partner möglich, mit Konflikten konstruktiv, das heißt offen, ehrlich und in der Auseinandersetzung.
Es hat wenig Sinn, aus Harmonieinteresse Wut und Ärger in sich hineinzufressen. Freundliche Worte passen schlecht zu verkrampften Händen und verbissenem Gesicht. Sprache, Gesten und Blicke gehören zusammen. Ärger und Wut sollten also insgesamt ausgedrückt werden, und zwar möglichst offen, ehrlich und auf die Sache bezogen, die den Ärger hervorgerufen hat.
Wenn der Streit um aktuelle Probleme, und nur diese sollten in den Streit einbezogen werden, offen und fair geführt wird, sind Verdrängen und Aggressionen überflüssig.
Um konstruktiv zu streiten, können einige grundlegende Regeln des fairen Streitens berücksichtigt werden:
Meinungsunterschiede sind wichtig und normal und als gegeben zu akzeptieren.
Konflikte sollten schnell und bewußt angesprochen werden ("Störungen haben Vorrang"), müssen aber nicht gleich gelöst werden. Eine Verständigung sollte erzielt werden, was es für ein Problem gibt und wann Zeit zum Sprechen ist.
Ein fairer Streit respektiert die Rechte beider Partner. Zu diesen rechten gehört u.a., den Streit auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, mit dem Streit anzufangen, Streitregeln vorzuschlagen, sich Zeit zum Überlegen zu nehmen, nachzugeben usw.
Zum konstruktiven Streiten gehört die richtige Stimmung. Sind die Wellen hochgeschlagen, ist der Streit-Teufelskreis voll entbrannt, gibt es wenig Möglichkeiten mehr für eine faire Auseinandersetzung.
Daher sollten die bisherigen und wenig förderlichen Streitstrategien frühzeitig erkannt und gebremst werden.
Frühzeitig darauf achten, welche Vorboten das Streitgewitter vorausschickt. Meist beginnt ein Streit nicht spontan, sondern äußert sich in Stimmungen, Worten usw. vorweg. Dann soll allerdings nicht die Auseinandersetzung vermieden werden. Eine frühe Bereinigung des Konfliktes verhindert aber das Hochschaukeln.
Menschen lieben es, auf vertrautem Terrain und mit Heimvorteil zu streiten. Frauen streiten auch heute noch ihrem Ehemann am liebsten in der Küche, Männer bevorzugen das Auto. Wer einen Streit eröffnet, könnte dem Partner entgegenkommen und nicht vorher das Feld nur zu den eigenen Gunsten abzustecken.
Es sollte nie unter Alkohol gestritten werden, da Enthemmung keine gute Basis für ein Streitgespräch darstellt, Filmrisse wahrscheinlich macht und Gewaltbereitschaft fördert.
Die Schuldfrage sollte vermieden werden. Vorwürfe über Schuld machen ein Einsehen und Veränderungen schwer, da sie zu Rechtfertigungen herausfordern.
Ebenso sollte niemand in die Enge getrieben werden. Meist gibt es in Partnerschaften einen Partner, der schnell und geschickt (und vermeintlich sachlich) argumentieren kann. Der andere ist dann oft emotionaler. Beide finden im Streit durch ihre Strategien keine Einigung und Lösung.
Am Anfang eines Streits sollte klar sein, worum konkret die Auseinandersetzung geht. Dies verhindert die Eskalation und eine Gesamtabrechnung.
Jeder Streit sollte neben einem Anfang auch ein Ende haben. Schnell sind alle Argumente ausgetauscht und dann enden die Zwistigkeiten in einem unaufhörlichen Kreisverkehr.
Konflikte sollten in der Gegenwart gelöst werden, Ausflüge in die Vergangenheit sind meist destruktiv. Sie sollten genutzt werden, wenn es um Lösungen für die Zukunft geht und nicht für eine Abrechnung.
Persönliche Worte wie "ich" und "du" sind besser als unpersönliche wie "man", "eine(r)", "jemand".
Zu einem konstruktiven Streit gehört das Zuhörenkönnen. Dies fällt "Streithähnen" sehr schwer, kann aber geübt werden.
Ein guter Streit endet mit einer Einigung nicht mit einem Sieg des einen Partners über den anderen.
Versöhnungen, Aussöhnungen und das Finden von Lösungen sollte nicht als etwas Selbstverständliches abgetan werden. Das Verständnis sollte eventuell mit einem guten Essen, einem schönen Abend, einer Tasse Kaffee o.ä. "gefeiert" werden. Viel zu selten tun sich Paare etwas Gutes, wenn die Beziehung gut und befriedigend verläuft.
Eine Beziehung ist etwas sehr schönes und wichtiges –man sollte es nicht zerstören-
Denke daran —